Auf den Spuren der Waldenser

Die erste Überraschung
Ende Oktober machten sich 32 Personen auf zur Bildungs- und Begegnungsreise ins Piemont nach Italien. Die erste Überraschung erlebten wir morgens um 6.45 Uhr, als ein Doppeldecker für uns vorfuhr; zum einen für die Anzahl der Reisenden zum anderen für die Tour im Speziellen enorm überdimensioniert. Ursprünglich war tatsächlich ein kleinerer Bus für uns vorgesehen.

Die zweite Überraschung
Alle Mitreisenden waren pünktlich an den Abfahrtsorten Roßwälden und Weiler erschienen und es konnte los gehen. Ein paar Stunden später wartete die zweite Überraschung des Tages auf uns. Da in Österreich am 26.10. Nationalfeiertag ist, waren einige kleinere Zollämter geschlossen und wir mussten etwa 20 Minuten wieder zurückfahren, um für den Bus eine gültige Vignette kaufen zu können. Endlich wieder auf der Spur und etliche km weiter, stand dann die Pause des Busfahrers an und das große Rätselraten, wie es denn mit der Vignette für die Schweiz klappen würde, begann. Der Bus hielt in Feldkirch und glücklicherweise konnten wir auf dem Parkplatz des Roten Kreuzes das für uns mitgebrachte Vesper verzehren und erhielten von einem netten Mitarbeiter auch den Zutritt zum Gebäude. Dieser Herr konnte uns dann schließlich beruhigen, dass das nächste Zollamt offen hat.

 

So fuhren wir bei wunderbarem Wetter über den San Bernardino, am Luganer See entlang bis wir in der Nähe von Turin staunten, dass hier Reis angebaut wurde.

Angekommen
Um 18.30 Uhr hielt dann der Bus in Torre Pellice (TP) direkt vor dem Gästehaus der Waldenser. Um 19.30 Uhr gab es täglich das Abendessen.

Zum gemütlichen Ausklang bekamen wir Besuch von Kurt Müller, einem ehemaligen Pfarrer in Esslingen, der seit einigen Jahren seinen Ruhestand in Torre Pellice verbringt und uns von seinen Eindrücken und allgemeinem Wissen zu den Waldensertälern und den Waldensern.

 

Für jeden Morgen hatte Pfarrer Kohnke eine Andacht und Lieder vorbereitet, die in Zusammenhang mit den Waldensern bzw. unseren Tagesausflügen standen und uns so auf den Tag eingestimmt.

 

 

 

 

 

Die 160 m hohe Mole Antoniella, ursprünglich als Synagoge geplant, jetzt Museum

Turin
Der erste Ausflug führte uns nach Turin, dort trafen wir unsere Reiseführerin Raffaella. Sie stand uns auch an allen weiteren Tagen als Begleitung zur Verfügung. Schon bei der Fahrt zum Treffpunkt lernten wir, dass Turin die Stadt der weiten Wege ist und kamen prompt eine Stunde zu spät. Als Raffaela unseren Bus sah, informierte sie uns, dass mit diesem Bus nicht alle Reiseziele durchführbar sein werden, Überraschung! Aber sie konnte schließlich für den nächsten Tag einen kleineren Bus organisieren. Bei der Stadtführung lernten wir die bedeutendsten Wahrzeichen Turins kennen. Anschließend blieb uns noch etwas Zeit um selbst die Stadt mit ihren wunderbaren Plätzen, Kirchen und Palästen noch genauer anzuschauen und den Turiner Schokoladenkaffee „Bicerin“ zu trinken oder eine Kleinigkeit zu essen.

Superga - Hügel

Über die ehemaligen Fiat-Teststrecke erreichten wir die  Basilika Superga mit Krypta der Savoyer-Könige und Königinnen, auch heute noch können dort Angehörige der Savoyer zu Grabe gelegt werden.

Bei günstigem Wetter ist der Ausblick auf Turin und die Alpen von dort oben grandios.

Auf der Rückseite ist ein Denkmal, das den Insassen des vor 70 Jahren dort zerschellten Flugzeuges gewidmet ist. Es war mit der kompletten Fußballmannschaft des AC Torino besetzt und niemand überlebte die Katastrophe.

Die Rückfahrt vom Hügel war eine Meisterleistung unseres Busfahrers Dragan. Auf der einen Straßenseite parkende Autos, auf der anderen Seite ständiger Gegenverkehr, die Folge war, dass irgendwann nichts mehr ging und Herr Kohnke und ein Teilnehmer der Gruppe den Gegenverkehr stoppten bzw. in Zentimeterarbeit den Busfahrer an den Häusern vorbeiwinkten – nach 30 Minuten waren die 500 Meter geschafft.

 

 

Germanasca - Tal

Am nächsten Tag führte unsere Fahrt in die Cottischen Alpen nach Prali auf 1454 m Höhe. Hier beeindruckten uns die alten Steingebäude. In den 1960-80er Jahren wurde im Ortskern noch gebaut, heute gibt es keine freien Plätze mehr, nur noch alte Gebäude könnten unter hohen Auflagen renoviert werden.

Die alte Waldenserkirche von 1556 überstand die Zeit der Zerstörungen und wird seit etwa 40 Jahren als Museum genutzt. Aufgrund vieler Verfolgungen trafen sich die Waldenser im 12. Jh. in Grotten, später dann in Ställen und Wohnungen und danach in Häusern ohne Glockenturm und ohne Aufschriften, damit niemandem auffiel, wo sie sich versammelten. Noch heute findet sich in vielen Kirchen die Inschrift: Gott ist Liebe – Dio è amore, das ist über die Jahrhunderte der Halt der Waldenser. Vor 1848 durften die Waldenser keine Schulen besuchen, aber dennoch konnten die meisten schreiben und lesen, da sie in den Familien in der Bibel lasen und die kleinen Gemeinden (heimlich) einen eigenen Dorflehrer anstellten. Dieser war auch Musiklehrer, Prediger und führte Beerdigungen durch. Von 1848 an, dauerte es gerade mal 50 Jahre bis in den Waldensertälern der Analphabetismus ausgerottet war. Die Waldenser gründeten in dieser Zeit 190 eigene Schulen, u.a. auch die Lateinschule in Pomaretto. So konnten begabte Kinder von Waldenserfamilien studieren: Theologie, Jura und Medizin. Viele gingen zum Studium in die Schweiz,nach Deutschland Deutschland, in die Niederlande oder auch nach Schottland.

 

Agape

Nicht weit weg, ist das 1948 von dem Waldenserpfarrer Tullio Vinay gegründete und von vielen Freiwilligen erbaute internationale Begegnungszentrum Agape. Dort finden mehrere Camps unterm Jahr statt, u.a. zu internationaler Politik und Wirtschaft, der Theologie oder weltweit bewegenden Themen. Dazu kommen Menschen aus allen 5 Kontinenten zusammen, auch schon vor Zeiten des Internets. Als christliches Symbol steht das Kreuz an der Treppe des Zugangs, das alle Menschen willkommen heißt, man passiert das Kreuz und ist dann im Zentrum offen für alle Religionen.

Wenige Kilometer weiter besuchten wir ein ehemaliges Talk-Bergwerk. Der Talk musste immer als Seitenstollen abgebaut werden, da er zu weich ist um direkt als Stollen befestigt zu werden. In einem Auto werden ca. 30 kg grauer Talk als Kunststoff verarbeitet. Außerdem finden wir ihn in Farben, Kosmetik und Arznei. Jedem auch bekannt als weißes Pulver gegen das Verkleben bei Bonbons, Kaugummis oder Tabletten.

 

Torre Pellice

Am 4. Tag bekamen wir eine Führung in Torre Pellice. Die Waldenser sind mit 0,8 % aller Italiener in Italien „eine Minderheit in der Minderheit mit Besonderheit“. In Italien gibt es 97% Katholiken, in den Waldensertälern hält es sich die Waage zwischen Evangelischen und Katholiken. 1532 beschlossen die Waldenser bei ihrer Synode in Chanforan, sich der Reformation anzuschließen und Kirchen zu bauen und ansässige Pastoren zu haben. Dies zog wieder viele Verfolgungen und Tötungen nach sich. Die Waldenser in Torre Pellice haben heute 1500 Gemeindeglieder, zu den Sonntags-Gottesdiensten kommen 150-200 Besucher. Die Kirche hat 1000 Sitzplätze und Abendmahlstisch und Kanzel vorne im Halbrund, so wie früher üblich.

 

Casa Valdese - Haus der Synode und der Verwaltung der Waldenser - Kirche

Im Haus der Waldenser „Casa Valdese“ findet jährlich die Synode der 150 Waldensergemeinden statt. Da der Saal, der aufgebaut ist wie ein britisches Parlament, zu klein ist für alle Synodale, wird per Lautsprecher in den Garten übertragen. Teilnehmer sind die 150 Vertreter der Gemeinden und alle Pfarrer, wovon max. 1/3 Mitspracherecht hat. Im Saal ist ein Wandfresko aufgemalt: Eine Eiche auf felsigem Grund im kahlen Land, viele Äste sind abgebrochen, aber es sind neue starke Äste ausgetrieben. Alte Äste halten die Bibel mit dem Vers „Sei getreu bis in den Tod“. Die Eiche, als Symbol des Widerstandes, schöpft ihre Kraft aus der Bibel.

 

Lux lucet in tenebris -

Licht leuchtet in der Finsternis

Wie in allen Gebäuden der Waldenser ist auch das Symbol der brennenden Kerze, mit dem Spruch: Lux lucet in tenebris - Licht leuchtet in der Finsternis, vorhanden. Dieses Lied ist manchen Älteren noch vom Jugendbund bekannt, Herr Kohnke hatte den Text dabei und so ließen es sich O. Keyl, W. Zwicker und K. Müller nicht nehmen uns das Lied vorzusingen „Wir wollen nicht wanken noch weichen, wir wollen zusammen stehn, woll'n stolz Waldenser heißen, für Jesus im Kampfe stehn. Lux lucet in tenebris, Licht leuchtet in der Finsternis, der Herr geht uns voran. Der Herr geht uns voran. …“

 

 

Im benachbarten Museum konnte uns die Museumspädagogin  Nicoletta noch anschaulicher und detaillierter die Geschichte der Waldenser näherbringen. Zwei Jahreszahlen sind von großer Bedeutung: 1689 war die "Glorreiche Rückkehr" ins Piemont aus dem Exil in der Schweiz. Nur 900 Menschen kamen nach Gewaltmärschen in Prali an. Erst am 17. Februar 1848 haben die Waldenser ihre zivilen und politischen Rechte zurückerhalten und diese mit Freudenfeuern gefeiert. Seit damals ist dies der wichtigste Feiertag der Waldenser und wird auch heute noch mit Freudenfeuern begangen.

Vor dem Waldensermuseum

Nicoletta in Aktion

Blick von der Aussichtsterrasse des Museums auf Kirche und Pfarrhaus

Denkmal von Chanforan

Nach einer Mittagspause im Ort fuhren wir mittags ins Angrognatal. Dort besichtigten wir das Denkmal am Platz der Synode von Chanforan,

ein Teil unserer Gruppe drückt die Schulbank in einer Beckwith- Schule

eine alte Beckwith-Dorfschule, wovon es etwa 20 im Angrognatal gab, 

Höhleneingang

und eine im Wald verborgene Höhle, in der sich die Waldenser zu Verfolgungszeiten heimlich zum Gebet oder Gottesdienst versammelten.

In der Höhle

Die Fahrt am 5. Tag konnten wir mal wieder mit unserem eigenen Bus antreten. Es ging nach Alba – in die Stadt des Trüffels. Bei der Führung in der bereits Mittelalterlichen Handelsstadt, war es deshalb nicht verwunderlich, dass Raffaela uns außer den Sehenswürdigkeiten und dem Dom auch die besten Adressen für Gebäck und Trüffel zeigte. Alba hat 30.000 Einwohner, zur Trüffelmesse im Herbst kommen 600.000 Gäste. Der Trüffel wird von Trüffelhunden gesucht, deren Ausbildung beginnt mit 3-6 Monaten und dauert bis zu 2 Jahren. Ein guter Trüffelhund kostet ca. 10.000 €. Außerdem ist in Alba der Hauptsitz von Ferrero, dort arbeiten 4.000 Menschen. Es wundert so auch nicht, dass es im Piemont viele Haselnuss-Plantagen gibt. Außerdem nahm sie uns den Glauben an die Piemont-Kirsche, die lediglich als Werbeslogan von Ferrero erfunden wurde und im Ausland gekauft wird.

in Alba unterwegs

Später ging es weiter in das Langhe-Weinbaugebiet mit Besichtigung des beeindruckenden Schlosses Grinzane.

in einem Weingut in La Morra in der Langhe

Den Tag beendeten wir auf einem Weingut mit Verkostung und Abendessen. Die Chefin erklärte uns ihr Familienunternehmen und die Vorstellung der Weine auf eine fröhliche gestenreiche Art und wir genossen den Abend sehr. Während der Rückfahrt hatte sich einer unserer Gruppe so unglücklich aufgekratzt, dass er später noch im Krankenhaus genäht werden musste.

bei der Weinprobe

Doch Gott sei Dank, konnten wir alle am nächsten Morgen wohlbehalten unsere Heimreise antreten. Die Teilnehmer sagten mit einem Präsent Herrn Kohnke und Frau Egl Mille Grazie für die Organisation und Durchführung dieser Reise. Mit vielen neuen Eindrücken und Erlebnissen, guten Gesprächen und Begegnungen, neuen Bekanntschaften und Vertiefungen von Freundschaften, kamen wir gegen 20.00 Uhr wohlbehalten zu Hause an.

Dagmar  Mammel