Vom Breitenstein nach Roßwälden

Bereits zum fünften Mal hat das Vorbereitungsteam des Männervespers Roßwälden zum Pilgern am vergangenen Freitag auf Samstag eingeladen, diesmal vom Breitenstein auf der Schwäbischen Alb ins evangelische Gemeindehaus nach Roßwälden. Ein 26 km langer Pilgerweg, der bereits in den Anfängen auf der Vorschlagsliste stand. Kein ausgeschilderter Pilgerweg, wie Pfarrer Kohnke bei seiner Begrüßung uns Pilgern im Bus erklärte, sondern ein Weg, der von uns Pilgern selbst zum Pilgerweg gemacht wird. Und dass selbst evangelische Christen, so Pfarrer Kohnke, die von dieser uralten christlichen Tradition ganz und gar nicht geprägt sind, dem Pilgern etwas abgewinnen liegt vielleicht daran, dass Pilgern die Möglichkeit bietet, zumindest eine Zeit lang loszulassen, zu erfahren, was brauche ich wirklich und was ist überflüssig; durchzuhalten, auch wenn der Weg mühsam ist.
Pünktlich um 18 Uhr fuhr unser Bus mit 37 Pilgerinnen und Pilgern im Alter zwischen 15 und 72 Jahren in Roßwälden los.

 

 

Am Breitstein (812 m hoch) hatten wir dann genügend Zeit zum „Ankommen“ und zum Genießen der herrlichen Aussicht. Die ersten Kontakte zu den Mitpilgern waren rasch geknüpft. Nach einem kurzen geistlichen Impuls durch Pfarrer Kohnke, der unser Aufbrechen, unser Loslassen, unser Gehen, unseren Weg und uns Pilger segnete gingen wir um 19:30 Uhr los.

Noch bei Tageslicht führte unser Weg über die freie Hochfläche zur evangelischen Kirche nach Ochsenwang (750 m hoch). Dort lebte und arbeitete Eduard Mörike von Januar 1832 bis Oktober 1833 als Pfarrverweser.

Frau König begrüßte uns mit einem seiner Gedichte im freien Vortrag und schilderte beeindruckend die Lebensumstände und das Schicksal des Dichters und Pfarrers. Sie gab einen kurzen Einblick an seiner, für uns heute befremdlich klingenden Ausdrucksweise, indem sie uns unter anderem einen Liebesbrief an seine Braut Luise Rau vorlas. Im Anschluss besichtigten wir im gegenüberliegenden ehemaligen Schulhaus seine zwei Wohnräume, die heute als Museum hergerichtet sind.

Bei fortgeschrittener Dämmerung verließen wir Ochsenwang, um oberhalb des Randecker Maars auf schmalem Pfad zum Salzmannstein und weiter zur Ziegelhütte zu gelangen. Bei der Hindenburghütte (725 m hoch) wurde eine kurze Rast eingelegt.

Nach einem eindringlichen Hinweis zur besonderen Vorsicht und Rücksichtnahme führte uns ein schmaler, matschiger und rutschiger Pfad in die völlige Dunkelheit des dichten Waldes. Langsam ging es 150 Höhenmeter hinab ins Neidlinger Tal auf einen befestigten Waldweg, der uns hinaus in das offene Tal und nach Neidlingen (460 m hoch) führte. 

Der Versuch, die doch stark verdreckten Schuhe irgendwie in den Wiesen und auf dem Weg zur reinigen, war nur bedingt erfolgreich, so dass mancher sich nur mit Socken in die Neidlinger Kirche wagte. Hier wurden wir von der Mesnerin, Frau Kirchner mit viel Verständnis herzlich empfangen. Die Aufgabe die Kirche vorzustellen übertrug sie kurzerhand Pfarrer Kohnke, der die eigenwillige Innengestaltung kurz und knapp als „Bauernbarock“ beschrieb.
Mitternacht war durch, als wir uns nach Gebet und gemeinsamen Gesang weiter auf unseren Pilgerweg begaben. Zunächst in Richtung Hepsisau, um dann entlang der Lindach nach Weilheim zu gelangen.

Zwei unserer Pilgerer hatten für sich einen Abholdienst organisiert, der uns überraschend mit knackig frischen Äpfeln versorgte, die gerne angenommen wurden. Von Müdigkeit keine Spur! Obwohl bereits 1 Uhr in der Nacht zogen wir im forschen Tempo, munter plaudernd durch die Gassen von Weilheim und erreichten nach 2 Uhr die evangelische Stephanskirche in Holzmaden (356 m hoch) zur unserer letzten Rast.

Pfarrer Kohnke hatte im Voraus freundlicherweise den Schlüssel von seinem Kollegen erhalten und stellte uns gut vorbereitet die Entstehungsgeschichte dieser 1971 errichteten Betonkirche vor. Mit einem Gebet und einem Lied beendeten wir unseren Aufenthalt und bereits vor 3 Uhr waren wir schon wieder auf freiem Feld, zwischen Wiesen und Obstgärten, durchquerten rasch Ohmden und bewegten uns nun auf bekanntem Terrain. Wir durchquerten den Wald zwischen Ohmden und Schlierbach und kreuzten hier den ausgeschilderten Jakobsweg, der über Kirchheim/Teck an den Neckar und weiter nach Rottenburg führt.

Kurz vor Schlierbach blieben wir zur Beratung stehen. Es ist 4 Uhr. Wir waren zu schnell. Nur noch eine Stunde bis zum Ziel. Das Frühstück wäre dann noch nicht fertig! Ein Anruf genügte und das „Versorgungsteam“ ist aus dem Bett. Und dann passierte es doch: Es begann zu regnen, immer heftiger und los ging´s mit schnellen Schritten. Roßwälden tauchte auf. Die, die vornedraus marschierten, warteten jedoch unter der Brücke am Ortseingang. Ein letztes Gruppenfoto

und gemeinsam erreichten wir noch vor Sonnenaufgang um 5 Uhr das evangelische Gemeindehaus in Roßwälden (336m hoch). Schon auf der Straße empfängt uns der Duft frisch gebackener Brötchen und Kaffee und innen ein liebevoll gerichteter Frühstückstisch.
Wir sind angekommen, so Pfarrer Kohnke, aber im Grunde ist der Weg nicht zu Ende. Es geht weiter, nur auf andere Art und Weise. Heute und morgen und all die Tage, die jedem von uns noch gegeben sind. Wie, das ist die spannende Frage.
Herzlichen Dank an alle die mitgewirkt haben an der Vorbereitung und der Umsetzung dieser erlebnisreichen und wunderbaren Pilgerung vom Breitenstein nach Roßwälden.

Lothar Jungbauer