Wirtschaftsethik nur in guten Zeiten?
Der Manager Hans-Jochen Beilke zu Gast beim 77.  Roßwälder Männervesper
Der Referent wusste, wovon er sprach: Begonnen hat Hans-Jochen Beilke als Assistent des Unternehmers Berthold Leibinger von der Firma Trumpf in Ditzingen und gelangte nach einigen Stationen schließlich 2006 als Geschäftsführer zur Firma ebmpapst, einem führenden Unternehmen für Luft- und Antriebstechnik.  Er stellte sich sogleich die  Gretchenfrage: Ist ethisches, das heißt sozial verantwortliches, Handeln nur etwas für wirtschaftliche „Schönwetterlagen“ oder kann es sich auch in der Krise bewähren? Grundsätzlich gelte natürlich für jeden Betrieb, Umsatz zu machen, Marktanteile zu sichern und Gewinne einzufahren, dadurch würden ja auch die Arbeitsplätze sicher. Wenn der Wirtschaftmotor aber ins Stottern gerät, kommen alle Kosten auf den Prüfstand, und unter ihnen sind die Personalkosten der größte Batzen. Er versicherte: Zu Entlassungen sei man erst gezwungen, wenn zuvor alles ausgereizt sei. Der Verzicht müsse bei allen Beteiligten ansetzen und die Möglichkeiten seien zum Glück zahlreich: von Reduktionen bei den Dienstwagen bis zu zeitweiligem Lohnverzicht (mit Lohnkonten). In Deutschland gibt es bewährte Instrumente, Kündigungen zu vermeiden, z.B. Kurzarbeit, Mehrarbeit mit Lohnverzicht, maßvolle Kürzung von Sozialleistungen. Man schließt einen Sozialpakt und überbrück damit die Krise. Hier hätten sich in den vergangenen Krisen Belegschaften, Betriebsräte und Gewerkschaften sehr verantwortungsvoll und weitblickend verhalten. Ist eine Entlassung nicht zu vermeiden, so wird der Einzelfall besonders gewürdigt. In mittelständischen Betrieben sei es ein zentrales Ziel, gutes Personal zu halten und zu pflegen. Dazu gehörten ein angemessener Lohn, verträgliche Arbeitsbedingungen und Weiterbildung. „Der Mittelstand hält seine Leute an Bord.“  Aber all das gehe nur, wenn die Krise nicht länger als eineinhalb Jahre dauert. Dann  werden die Einschnitte schmerzhafter. Beilke weitete den Blick über die Lage im Betrieb hinaus. Als bestimmende Faktoren kommt die Auseinandersetzung mit den Schwellenländern hinzu, die Reaktion auf neue Technologien wie Microelektronik und Gentechnik, die Haltung zu Hochrisikotechnologien. Aus seiner Betriebserfahrung nannte er ein Beispiel, dass eine Krise auch als Chance genutzt werden kann. Papst hat als Reaktion auf die Energiewende Ventilatoren mit deutlich weniger Energieverbrauch entwickelt, die sich hervorragend verkaufen. Maßvolles Wirtschaften und Verbrauchen beginnt jedoch im Kopf. Hinter der schwäbischen Tüchtigkeit stecke immer noch die protestantische Arbeitsethik, in der Fleiß und Hingabe an die Arbeit mit der Bereitschaft zum Verzicht gekoppelt seien. Viele vergessen, dass die Kaufkraft für den täglichen Bedarf in der Vergangenheit gestiegen sei und die Freizeit zugenommen habe. Für manche seien inzwischen die Freizeitaktivitäten wichtiger als die Arbeit. Da lohne ein Blick in andere Länder mit ganz anderer Lohnstruktur und bescheideneren Sozialsystemen. Man müsse sich klar darüber sein, dass der wirtschaftliche Wettbewerb weltweit geführt werde, dass das produzierende Gewerbe der zentrale Wirtschaftsfaktor sei und dass ins Land hereinströmende, arbeitswillige und integrationsfähige Menschen erwünscht seien. Schließlich riskierte er noch einen Blick in die Zukunft: Wachstum auf allen Gebieten sei endlich und das Ende sei absehbar; „Schrumpfen lernen“ sei angesagt, Zufriedenheit sei nicht nur durch ein „Immer mehr“  zu erreichen; Bescheidenheit sei kein Unglück.
In der anschließenden Diskussion konkretisierten die Teilnehmer die Impulse bei den Themen Mindestlohn und Verhalten von Managern in großen und mittleren Betrieben. Fazit:  Die Veränderung müsse bei den Menschen ansetzen, und dabei dürfe man nicht verlangen, das führende Unternehmer ethischer handelten  als der Normalverbraucher, der auch mal mit seinen „Tricks“ bei der Steuer und der Versicherung angibt. Im internationalen Vergleich stehe Deutschland gut da.       Ulrich Kernen