Männervesper plus: Wie Hunger gemacht wird

Klaus Herrmann dankt dem Referenten Karl Albrecht Immel

Etwa 850 Millionen Menschen hungern  auf unserer Erde.  Doch Hunger ist nicht nötig! Es gibt genügend Nahrungsmittel für die Menschheit, sie sind aber ungleich und ungerecht verteilt und werden teilweise bewusst verknappt.


Schonungslos zeigte der Referent und Gesprächspartner des Abends, Karl-Albrecht Immel den über 70 Besucherinnen und Besuchern des 74. Männervespers die Hintergründe und Zusammenhänge auf. Karl Albrecht Immel, im Hauptberuf Programmmanager bei SWR 4 ist seit vielen Jahren einer der profiliertesten entwicklungspolitischen Journalisten in Deutschland, der in der Vergangenheit mit verschieden Journalistenpreisen ausgezeichnet worden ist.
Statistisch gesehen gibt es 330kg/Jahr Getreide für jeden Menschen auf der Erde, dazu Gemüse und Obst, und trotzdem werden viele nicht satt, denn nur 42% des erzeugten Getreides wird als Lebensmittel verwendet, über  20 % wird zu Agrosprit verwertet und über 35 % wird verfüttert.


Dass viele Menschen sich ihre Lebensmittel  nicht mehr leisten können, hängt nicht nur mit der  jährlichen Zunahme der Weltbevölkerung um 70-80 Mio Menschen, auch nicht nur wegen Klimaveränderung und Erosion kleiner werdende Flächen, die für die Landwirtschaft zu nutzen sind, zusammen, sondern auch durch die subventionierte Exporte. Wenn z.B. aus reichen Ländern Hühner- und anderes Fleisch zu Dumpingpreisen billigst nach Afrika exportiert wird, bricht die Landwirtschaft in den dortigen Ländern zusammen, weil es immer weniger Abnehmer für die einheimischen Produkte gibt. In der Folge können immer weniger Landwirte sich ihren Lebensunterhalt und ihre Lebensmittel erwirtschaften.


Immel zeigt dann noch an drei weiteren problematischen Erscheinungen unserer Zeit auf, „wie Hunger gemacht wird“:
•    Agrosprit und Biodiesel – was einmal als Alternative zu den begrenzten Rohstoffen wie Erdöl und Überproduktion von Getreide etc. gesehen wurde, hat sich inzwischen zu einem großen Problem entwickelt. Um unseren Bedarf an Agrosprit und Biodiesel zu befriedigen, muss eine große Menge aus Ländern eingeführt werden, in denen oft die funktionierende Landwirtschaften  durch die Monokulturen und durch die Vertreibung der Menschen aus ihren angestammten Gebieten zerstört wird. Nur wenige finden noch Arbeitsplätze auf ihrem früheren Land, aber keinen Platz mehr für die notwendigen Lebensmittel. Außerdem ist auch bei uns die Biogasgewinnung weder ökologisch sinnvoll noch CO2 sparend, solange dafür extra Pflanzen von intensiv bewirtschaften Feldern angebaut werden.
•    Landgrabbing (Landraub)  – ist ein weiteres Problem. Es geschieht in Ländern mit schwachen und korrupten Regierungen,  meist in den Gebieten, wo sich das Land gut bewässern lässt oder verkehrsgünstig liegt. Eigentlich sind es geradezu koloniale Methoden, mit denen große Firmen, aber auch Staaten in fremden Ländern riesige Ackerflächen billig  pachten und dort Pflanzen für Agrosprit und Biodiesel, Sonderkulturen wie Ananas, Rosen oder ähnliches bzw. Nahrung zum Export in ihre eigene Länder anbauen. Diese  Investoren zahlen vielleicht Steuern, aber die angestammte Bevölkerung hat das Nachsehen und weiß oft nicht, wo sie ihre Lebensmittel anpflanzen soll und woher sie ihr Wasser nehmen kann. 
•    Spekulation an den Börsen mit Nahrungsmitteln. -  Nahrungsmittel sind auf den  Finanzmärkten zu einem „interessanten Anlageobjekt“ geworden. Warentermingeschäfte können durchaus sinnvoll sein, um Preise abzusichern, sie verursacht allerdings auch Preissprünge und verteuert damit im Süden unserer Erde die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln für die Ärmsten. Dies geschieht vor allem dann, wenn Menschen nur noch von der Frage geleitet werden: Wie kann ich eine hohe Rendite erzielen?
So ist die Deutsche Bank einer der größten Zuckerhändler der Welt und erzielt durch das Zurückhalten des Zuckers (und des damit nach oben Treibens des Preises) einen höheren Gewinn als durch das Verkaufen des Zuckers.
Fortschreitende wirtschaftliche Liberalisierung und  sog. Deregulierung mit der Absicht, immer mehr Gewinne zu ermöglichen ohne ethische Regeln zu beachten, hat  katastrophale Folgen sehr viele Menschen.
Vielleicht ist ein solches Handeln menschlich, aber auf keinen Fall vernünftig.


Angesichts seiner  langjährigen Erfahrungen fordert Immel im Kampf gegen den Hunger die Regierungen auf,
•    kleinbäuerliche Landwirtschaft zu fördern, wobei das für ihn in einem Land wie Deutschaland auch bis zu 100 ha/Betrieb gehen kann, im Gegensatz allerdings zu Betrieben in manchen Ländern mit 65.000 ha.
•    Spekulationen mit Nahrungsmittel einzudämmen
•    Beimischungsqoten für Biosprit aufzuheben
•    verbindliche Regeln einzuführen, die allen Menschen nützen, nicht nur reichen und gewissenlosen Spekulanten.
Und was kann der einzelne tun:
Heimische Lebensmitteln bevorzugen, weniger Fleisch verzehren, Biosprit reduzieren, bzw. möglichst wenig Treibstoff verbrauchen, nicht in Geldanlagen investieren, die mit Nahrungsmitteln spekulieren, Politiker auffordern, dass sie. sich gegen Landgrabbing engagieren, sich selbst in der Weltladenarbeit einbringen, oder bei der ökum. Entwicklungsbank (oikocredit), die faire Kredite an Kleinbauern vergibt,  investieren.


Immel machte Mut, trotz mancher fast aussichtsloser Zustände und frustriender Erscheinungen heutigen wirtschaftlichen Handelns, sich für die Gerechtigkeit und gegen den Hunger zu engagieren, ohne dabei zu meinen, man könne gleich die ganze Welt retten. Genauso wenig sollte man allerdings sich auch nicht einreden, man könne eh‘ nichts tun.
Alfred Kohnke