Männervesper "Mein Doppelleben als Bernd und Marlene"

Beim 66. Roßwälder Männervesper erlebten die Teilnehmer eine Autorenlesung der Autoren Marlene und Bernd Bitzer mit Buchvorstellung: „Girls Game“ von, wie es auf dem Buchdeckel heißt, Marlene und Bernd Bitzer. Anwesend waren „Gestandene“ Mannsbilder, die die Welt und ihre Tücken kennen und die sich tatkräftig ihren Sitz im Leben geschaffen haben. Die Frau des Autors schien verhindert zu sein, denn Bitzer war allein aus Reutlingen angereist; ein Blick auf die rötlich gefärbten und (für Männer) überdimensional gestylten Fingernägel ließ aber ahnen, dass wohl keine Gattin des Autors zu erwarten sei: Ist Marlene und Bernd Bitzer dieselbe Person? Da fängt das Fragen an – oder das Spiel, denn, um es frei nach Goethe zu sagen: „Zwei Seelen wohnen – oh (!) – in seiner Brust“, eine männliche (Bernd) und eine weibliche (Marlene). Das brachte schon den Jungen eines Malermeisters auf der Schwäbischen Alb in seinen Pubertätsjahren in arge Bedrängnis, wandelte sich aber dann in dreißig Jahren zu einem heimlichen, lustvollen Abenteuer des wechselnden Eintauchens in männliche und weibliche Sphären. Unter der Woche war er  Bernd, der gelernte Journalist, am Wochenende, nach aufwendiger, oft schmerzhafter (Haarentfernung!) Metamorphose, die anmutige Marlene. Ein spannendes Hin und Her. Zum Beispiel Autofahren: Bernd fährt sportlich schnell, Marlene eher bedachtsam… Er(Sie) bewegt sich mit Haut und Haar in beiden Welten perfekt, wird nie entlarvt, nutzt mitunter sein Wissen um das Anderssein der Geschlechter in entsprechenden Situationen. Die Verwandlung wird immer vollkommener: Bernd Bitzer lässt zwei lebensgroße Variationen seiner Marlene (oder besser: von sich als Marlene?) erstehen, und verbirgt dabei seinen Stolz nicht. Die Roßwälder sind platt vor Staunen: Hano! So äbbbes, raunt es an den Tischen!  Dann kommt Bewegung in die Runde. Man versetzt sich in seine Lage und dann kommen die Fragen, zunächst eher technisch-praktische, dann auch psychologische und existentielle:  Wie kommen Sie als Marlene ungeschoren (!) über Staatsgrenzen? – Nie ein Problem, weiblicher Charme ist auch bei Zöllnern wirksam. Das ganze ist ein riskantes Versteckspiel, vor allem bei seinen Bekannten; einmal führte es sogar zur Eifersucht  einer guten Freundin auf „Marlene“. Und dann: das mutige Outing vor drei Jahren! Er/sie rechnet mit allem, aber, zum Glück reagiert niemand aggressiv-abwertend, sondern nach der verständlichen Verblüffung folgt meist Neugier, Faszination, vielleicht sogar heimlicher Neid. Denn Bitzers Lebenschance und Lebensrisiko ist das „Buntsein“. Dies ermöglicht das Verlassen von eingespurten Rollen und Schablonen, die zwar stützen und entlasten können, zugleich aber auch als Scheuklappen den Blick auf ungeahnte Facetten der Wirklichkeit verstellen. Von diesen Abenteuern erzählt Bitzer. Gefragt, was denn nun nach dem Outing anders sei, antwortet Bitzer, der Reiz der Heimlichkeit fehle natürlich; andererseits sitzt er  voller natürlicher Eleganz da  und kommt ein ums andere Mal ins Schwärmen und antwortet lachend auf die besorgten Fragen der Roßwälder, die sich wacker auf diese verblüffende und zugleich irritierende Persönlichkeit eingelassen haben. Einen Abend lang haben wir unsere eigene männliche Identität  neu „umgegraben“: Hano!

                                                                                                          Ulrich Kernen