Männervesper: Christen und Moslems - was sie voneinander lernen können

Imam und Hodscha Yiyit

Dieses Thema des 84. Roßwälder Männervespers verwies auf eine selbstkritische und konstruktive Einstellung der Beteiligten. Als Referent und Gesprächspartner war der junge Ebersbacher Imam und Hodscha Yavuz Selim Yiyit eingeladen worden. Er ist kein Eiferer, er liebt seine Religion und seine Arbeit und er sucht den Kontakt und den Ausgleich – das macht ihn sympathisch. Dies waren gute Voraussetzungen für den Abend , an dem auch heikle Fragen gestellt wurden. In seinem Eingangsreferat stellte er Grundpositionen des Islams dar und zeigte daran auf, wo unter dem Etikett „Islam“ seine Religion von Gruppierungen , die sich von der Lehre des Korans und der Offenbarungen des Propheten entfernt hätten, für andere Ziele missbraucht werde. Meist gehe es dabei um pure Machtausübung. Und in der deutschen Öffentlichkeit würden diese schlimmen Dinge dem Islam unterstellt. Er leide darunter, dass der Islam deshalb bei den Deutschen negativ besetzt sei. Sein Anliegen war es zunächst, einige dieser Vorurteile zurechtzurücken. Ein Grundprinzip das Islams sei die Glaubensfreiheit: Wer will, kann glauben, wer nicht will, muss nicht glauben; bestraft wird, wer andere zu einem Glauben zwingt. Auf der anderen Seite ließ er an den Konsequenzen auch keinen Zweifel: Wer sich zum Islam bekennt, der hat die Glaubensgesetze ausnahmslos zu befolgen. Ein Reizwort sei in Deutschland die „Scharia“. Das bedeute einfach „Gesetzbuch“ und es basiere auf dem Koran und den Offenbarungen Mohammeds. Es gebe heute zahlreiche Strömungen innerhalb des Islams, die sich vor allem in den Vorschriften  zur Lebensführung unterschieden. Manche widersprächen der islamischen Lehre total.  Ein weiteres Vorurteil sei mit dem Begriff „Dschihad“ verbunden. Dschihad meine aber nur den harten Kampf gegen die Sünde der Trägheit; im Koran gebe es ein klares Tötungsverbot, jedoch ein Recht auf Verteidigung. Ein weiteres Reizthema sei das islamische Frauenbild: Es stimme nicht, dass die Frau unter der Herrschaft des Mannes zu stehen habe. In einer Detailregelung sei sogar verankert, dass der Mann verpflichtet sei, im Haushalt zu helfen und dass die Frau für das Stillen eines Säuglings sogar Geld verlangen könne. Allerdings komme zu dieser Grundposition auch das historisch gewachsene Frauenbild hinzu. Etwas Entsprechendes habe es im Christentum ja auch gegeben.  In der Aussprache interessierten sich die zahlreichen Teilnehmer für einige zentrale Problemfelder, die sie mit Fakten aus aktuellen Ereignissen untermauerten. Neben den Kleidervorschriften für Frauen und Mädchen wurden genannt: die Verfolgung von Konvertiten, also von Moslems, die zu einer anderen Religion wechseln wollten; die Uneinigkeit und Feindseligkeit der führenden islamischen Köpfe; der Terror von Selbstmordattentätern, die zu Märtyrern hochstiliert würden. In all diesen Fragen, so betonte Yiyit, seien diese harten Positionen vom Koran her nicht begründbar. Das Verständnis der auf dem Koran basierenden Scharia sei aber zeit- und ortsgebunden. Nötig sei deshalb eine Interpretation. Offen blieb, wer dabei die Deutungsvollmacht habe. Auf die Frage, was denn beim in Deutschland erlebten Christentum für einen Moslem anziehend sei, wurden die Möglichkeiten zur Mitgestaltung der Gesellschaft hervorgehoben. Störend sei der permanente Rechtfertigungszwang, unter dem zur Zeit ein Moslem stehe, und die deutsche Sexualmoral, die aber wohl auch bei manchen Christen auf Ablehnung stoße. Kritisch gesehen wurde von den Teilnehmern die Vielzahl  der detaillierten Vorschriften und Verbote (und deren Ausnahmen) im Islam gegenüber dem alles umfassenden Gebot der christlichen Nächstenliebe, das eher befreiend als einengend wirke. Mit dem Blick auf unser aktuelles Umfeld wurde beiderseits die Tendenz zur Ghettobildung moslemischer Bürger beklagt. Möglichkeiten zum Kennenlernen gebe es, man müsse sie nur wahrnehmen: zum Beispiel in Ebersbach die „Kermes“, Fisch & Fest, am 6. und 7. Februar, und danach das Maifest am 7. und 8. Mai. Fazit des Abends: Man will diesen in freundlicher aufgeschlossener Atmosphäre geführten Dialog  fortsetzen, weil man noch nicht „fertig“ miteinander ist.   Ulrich Kernen