79. Männervesper: Heiliger Krieg! - Heiliger Frieden!

Ein sehr interessanter Abend!    
Zu diesem aktuellen Thema fand das 79. Männervesper im Bürgerhaus Weiler statt. Zur Rolle von Religionen bei Krieg und Frieden war Dr. Markus Weingardt von der weltweit renommierten Stiftung Weltethos (Global Ethic Foundation) in Tübingen gewonnen worden.  Gleich zu Beginn seines Referates räumte er mit dem Vorurteil auf, dass Krieg im Namen einer Religion eine islamische Erfindung sei.  Auch im Christentum z.B. sei eine kriegerische  Haltung aus der Bibel herleitbar und selbst der Buddhismus sei nicht frei davon: Zur Zeit fänden in Birma Pogrome buddhistischer Mönche gegen Muslime statt. Es liege die Überlegung nahe, dass es sogar einen unauflöslichen Zusammenhang zwischen Religion und Gewalt gebe.  

Um diesem Problem auf den Grund zu kommen, ging er zunächst der Frage nach: Wie funktionieren Konflikte?  Von der Wortherkunft (lat. confligere)  ausgehend liegt bei jedem Konflikt ein Zusammenstoß von Interessen zugrunde: Zwei wollen das  gleiche oder Unterschiedliches. Drei Methoden führen zur Lösung von solchen Interessenkonflikten: Entweder siegt der Stärkere, oder – in Rechtsstaaten – ein Gericht entscheidet, oder im Gespräch miteinander wird ein Kompromiss gefunden. Bei so genannten Wertekonflikten sind Kompromisse schwer zu finden. Es geht dort um Grundsätzliches: Was ist mir wertvoll, oder gar: Was ist mir heilig? Diese grundsätzliche Position tangiert die eigene Identität oder die meiner Gruppe. Da geht es ans Eingemachte, da lassen sich Kompromisse  schwerer finden, etwa bei der Unteilbarkeit von Menschenrechten. Es geht um zentrale Positionen, um gut oder böse, um heilig oder teuflisch, um gerecht oder ungerecht. In solchen Konflikten sind Menschen viel leichter mobilisierbar; die Gewaltbereitschaft steigt; die Opferbereitschaft nimmt zu. Oft werden von raffinierten Machthabern „normale“ Konflikte zu Wertekonflikten hochstilisiert:  Wo es z.B. früher im Nahen Osten eigentlich nur einen „banalen“ Kampf um Land gab, geht es jetzt um die Rettung oder Wiedergewinnung von heiligem Land. Im Weißbuch der Bundeswehr steht unverblümt, dass es auch Bundeswehreinsätze geben kann, um den Zugang zu Märkten oder Rohstoffen zu sichern. Das wird ungern offen ausgesprochen, Bundespräsident Köhler ist über eine solche Äußerung gestolpert. In religiös aufgeladenen, „heiligen“ Kriegen sind alle Mittel recht („heilig!“). Gewalt ist dann nicht nur erlaubt, sondern sogar geboten, sie ist eine Form von Gottesdienst; Friedensliebe und Gewaltlosigkeit wird zur Sünde diffamiert. Und schließlich wird das Selbstopfer, das Selbstmordattentat, zur höchsten Form des Gottesdienstes. Fazit: In allen Religionen gibt es Geschichten, aus denen sich Gewalt legitimieren lässt. Aber: In allen Religionen findet sich in denselben heiligen Schriften auch die Verurteilung von Gewalt durch Gott. In dieser Spannung müssten wir, so Weingardt, leben. Es geht deshalb nicht an, sich damit fatalistisch abzufinden.  Es gibt nämlich eine friedensorientierte Seite der Religionen und dieses Potential kann segensreich genutzt werden. Weingardt veranschaulichte dies an dramatischen Beispielen der jüngeren Geschichte. Es gab nicht nur berühmte, bewunderte große Friedensstifter wie Gandhi, Martin Luther King oder den Dalai Lama; Politiker und „normale“ Gläubige wirkten als segensreiche Friedensstifter. Er würdigte den Frieden stiftenden Einsatz von Christen, Muslimen und Buddhisten in Konflikten auf der ganzen Welt, und erinnerte auch an die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland nach 1945, die der englische Pastor Frank Buchmann in der Schweiz einleitete, sowie an die deeskalierende Rolle der evangelischen Christen während der Wende in der DDR.

Weingardt wandte sich dann den Fragen zu: Warum waren diese Vermittler erfolgreich? Warum hört man so wenig von ihnen? Und: Was kann der Normalbürger zum Frieden beitragen? Die Erfolge waren durch ein  Bündel von Bedingungen möglich: Die Vermittler sind sach- und fachkundig und können Methoden der Konfliktbewältigung  anwenden. Sie sind anerkannte moralische Autoritäten durch Wort und Tat; sie sind glaubwürdig und unabhängig  und werden deshalb von den Konfliktparteien als Vermittler akzeptiert, auch weil sie ohne Druckmittel arbeiten und Zeit, Geduld und Beharrlichkeit mitbringen, denn: Wer redet, schießt (wahrscheinlich) nicht. Nicht zuletzt nützt den Vermittlern ihre Nähe zu den Streitenden; dieser Vertrauensbonus öffnet Türen. Religiöse Vermittler folgen einem religiösen Friedensauftrag. Sie machen nichts für sich; das Ziel steht im Vordergrund. Die Politik hat dieses Potential noch viel zu wenig erkannt, und die Presse nimmt kaum Kenntnis von diesen positiven Aktivitäten, denn „blutige“  Nachrichten verkaufen sich immer noch deutlich besser. Daher begegnen uns in der Presse viel häufiger Zerrbilder von religiösen Fanatikern: Daraus kann eine unheilsame  Spirale entstehen. Schließlich gibt es auch zahlreiche Möglichkeiten,  Frieden stiftend vor der Haustür aktiv zu werden. Markus Weingardt  wies auf einiges hin: u.a. die Malteser Medizin für Menschen ohne Krankenversicherung;  Mediation zur Überwindung von Gräben wie zum Beispiel beim Frankfurter Flughafenkonflikt; Engagement bei der Aufnahme und Betreuung von Flüchtlingen. Im engeren Alltag bedeute Friedensliebe konkret, dass man praktische Hilfe und Unvoreingenommenheit vorlebe und dass man bei Konflikten konziliant auftrete. Kleine Schritte seien nie zu verachten.

In der anschließenden Diskussion wurde nach Möglichkeiten gefragt, den Ukraine-Konflikt zu entschärfen. Weingardt dämpfte die Erwartungen. Die dortigen Kirchen seien eher in nationalistischen Denkstrukturen gefangen und fielen als Friedensstifter aus; aber das beharrliche und geduldige Gespräch der Bundeskanzlerin halte ein Fenster zu einer friedlichen Lösung offen. 

Literaturhinweis: Markus A. Weingardt: Was Frieden schafft. Religiöse Friedensarbeit – Akteure, Beispiele, Methoden.
Gütersloher Verlagshaus 2014. 232 Seiten, mit zahlreichen Abbildungen, 24,99 Euro. ISBN 978-3-579-08172-4.

Ulrich Kernen