Armut in Deutschland

Simone Zwicker

Zum Thema „Armut in Deutschland und vor unserer Haustür“ hatten die Organisatoren mit der aus Roßwälden gebürtigen Sozialarbeiterin Simone R. Zwicker eine Referentin und Gesprächspartnerin gewonnen, die tagtäglich mit der Problematik zu tun hat. Frau Zwicker ist Geschäftsführerin im Haus der Diakonie in Leonberg. Unter dem unverfänglichen Namen „Sozialberatung“ verbirgt sich Beratung und Hilfe für Menschen, die „am  Ende des Geldes noch zu viel Monat haben.“ Wer zu einer solchen Beratung kommt, steckt schon tief im Schlamassel und hat es aber geschafft, seine Scham zu überwinden, seine Hilfsbedürftigkeit zu offenbaren und Hilfe anzunehmen.
Wer gilt bei uns als „arm“? Als „arm“ gilt, wer so wenig finanzielle Mittel hat, dass er weitgehend von der Lebensweise der Gesellschafft um ihn herum ausgeschlossen ist. Das heißt z.B. konkreter: Die eigenen Mittel reichen nicht aus fürs Essen, für die Miete, für die Heizung, für die Kleidung, für die Bildung, für den Einstieg in die Arbeit, für die Gesundheitsvorsorge, für die Teilnahme an einem Minimum des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Noch konkreter: Im Februar 2014 waren in Göppingen  ca. 15500 Menschen arbeitslos, davon lebten 8700 von Hartz IV. Das sind zwar, am Bundesdurchschnitt gemessen, hervorragende Zahlen: 2,1%! Aber hochgerechnet leben hier ca. 20 000 Menschen an der Armutsgrenze. Der Staat hat mit den Hartz IV – Gesetzen auf das Problem reagiert. Statt wie früher Ermessensspielräume und wohlwollende Behandlung zuzubilligen, richtet Hartz IV den Focus neben dem finanziellen Hilfsangebot zunächst deutlich auf die Prüfung, ob der Anspruch auch berechtigt ist. Auf der anderen Seite wünscht sich der vermögende Klient von seinem Steuerberater Tipps: „Wie spare ich möglichst viel Steuern?“ Oder – noch weitergehend: Wie schütze ich mein Geld vor dem Staat? Es ist ein offenes Geheimnis, das Steuerbetrug zum Volkssport geworden ist.  Dagegen gibt es bei Hartz IV nur eine Betrugsquote von 3%, was nur 0,5% der Gesamtsumme ausmacht.
Wer bekommt Hartz IV? Alle diejenigen, deren Arbeitslosengeld nach 12 Monaten ausläuft. Mancher Bedürftige kommt dann im konkreten Fall aber schon gewaltig ins Schleudern: Hinzu kommen etwa Bournout, Scheidung, gescheiterte Ich-AG, Hypotheken, Schuldgefühle, Scham, Alkohol... Und dann kann es sein, dass zwischen Antragsstellung und –bewilligung eine beträchtliche Zeitspanne verstreicht, die schwer zu überbrücken ist. Der Hartz IV – Satz beträgt bekanntlich zur Zeit 391 € zuzüglich diverse Zusätze und Abzüge. Der Mietzuschuss ist knapp bemessen; deshalb ergibt sich der Zwang, auf schlecht gedämmten Wohnraum oder abgelegene Wohnungen auszuweichen. Das erhöht die Heizkosten bzw. führt zu nicht unerheblichen Fahrtkosten. Frau Zwicker zeigte an einem Beispiel detailliert auf, dass  nach Abzug der Fixkosten 260 € übrig blieben. Für eine defekte Waschmaschine oder die Kleidung eines in die Höhe schießenden Halbwüchsigen sollen Rücklagen eingesetzt werden. Dies ist aber so gut wie nicht möglich. Deshalb weicht man notgedrungen auf ein zinsloses Darlehen des Jobcenters aus, welches kaum abgezahlt werden kann. So kann ein Hartz IV – Empfänger in einen fatalen Teufelskreis geraten. Fazit: Man kann von Hartz IV leben, es darf aber nichts dazwischen kommen. Wie geht es dann weiter? Zum Glück gibt es Notfonds, z.B. der Kirchen, der Rotarier des Lionsclubs und anderer sozial engagierter Einrichtungen. Ganz kompliziert wir es, wenn die Menschen wieder in Arbeit streben: Hier agieren Hilfsstellen, die nur gering vernetzt sind, sich mitunter auch gegenseitig blockieren. Dies ist der Zeitpunkt, an dem der Besuch in einer Beratungsstelle weiterhilft, weil dort von informierten Fachkräften nach Auswegen gesucht wird. Das können zunächst auch nur kleine Schritte sein, z.B. die Beschleunigung eines Darlehensantrags oder das Anzapfen eines „Not - Topfs“.  
Denkt man in zeitlich größeren Räumen, so wird die Lage nicht besser. Es gibt Familien, in denen schon Generationen außen vor sind, das bedeutet, dass man nicht gelernt hat,   arbeiten oder sich an Absprachen zu halten. Die Zahl von Zuwanderern, die Deutschland für ein Schlaraffenland halten, ist viel geringer, als mancher vermutet, und ihre Enttäuschung ist unausweichlich. Kurz angerissen wurde auch die drohende Altersarmut, die durch die einhergehende Vereinsamung noch verschärft wird.  Verursacht wird dieses Problem nicht nur durch den demographischen Wandel und die Überlastung der sozialen Netze.   Zu bedenken ist auch, dass junge Menschen heute viel später einen festen Arbeitsplatz bekommen und dem entsprechend auch die Alterssicherung später einsetzt.
Nach dieser groben Bilanz fragten sich die Teilnehmer des Männervespers, was man als Privatmann tun könne. Man kann frei gewordenen Wohnraum anbieten, Patenschaften für Schulabgänger übernehmen, direkte Geld- oder Sachspenden machen oder einen Notfond unterstützen, Hilfeleistung bieten beim Umgang mit Behörden, Hausaufgabenbetreuung anbieten, Besuche machen, sein privates Netzwerk einsetzen. Deutlich wurde an diesem auch bedrückenden Abend, dass private Hilfe zur staatlichen hinzu kommen muss, dass der Staat jedoch aus seiner Verantwortung nicht entlassen werden darf: Der Satz für Hartz IV muss erhöht werden. Dafür muss man politisch eintreten.      Ulrich Kernen